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Spatenstiche - Arbeitsweisen der angewandten Soziologie
 
in: Holub, Hohenbüchler: Planning Unplanned, S. 234, 2015


Peter Arlt im Gespräch mit Barbara Holub, 24.11.13


BH Was erscheint Ihnen besonders schwierig an Ihrem Beruf im Alltag?

Besonders schwierig ? - Da fällt mir zuerst gar nichts ein. In Linz ist die Überzeugung der Politik mühsam. Ich musste lernen, geduldig zu sein. Man stößt sehr viel an, aber bis es sich gesetzt hat, muss man geduldig sein. Politiker müssen es verarbeiten und in ihr System einbauen. Man muss von vielen Seiten kommen, dann bewegt sich Politik. Aber es gibt auch Leute im Linzer Magistrat, die ich gar nicht überzeugen muss. Und in Blöcken, die im ersten Moment abwehrend sind, muss man die Leute finden, mit denen man gemeinsame Sache macht. Insofern ist es natürlich politische Arbeit. Mittlerweile schreibe ich das auch in Förderanträgen als eigenen Posten hinein: „Beamtenbeteiligung“, nicht „Bürgerbeteiligung“.
Stadtentwicklung wie wir sie betreiben ist eine Querschnittsmaterie. Ein Magistrat denkt aber, wie jede Bürokratie in Abteilungen und Zuständigkeiten. Wir versuchen ämterübergreifende Arbeitskreise zu installieren. Ich sehe das alles aber nicht als Schwierigkeit - das hätte ich vielleicht früher gesagt - jetzt sehe ich es eher als politische Arbeit.

[...] Wir haben schon eine Vision, aber wie wir da hinkommen, ist relativ offen, weil es von Dingen und Personen abhängt, die auf politischer Ebene wie auch im Viertel passieren.

BH: Die Frage ist ja dann auch immer, wie all die unsichtbare Arbeit sichtbar gemacht wird, die sehr aufwendige Kommunikationsarbeit, bis man versteht, wie eine Gemeinde oder ein Stadtviertel funktioniert - auch auf der übergeordneten politischen Ebene. Und wenn man einen gewissen Boden, auf dem man agieren kann, hat, geht es darum, diesen auch zu halten.
(...)
Für die Politik ist auch immer ein Faktor, wie sie solche Projekte dann vermitteln können. Wie erfolgt die Bewertung? Meistens sind solche Prozesse zu wenig medientauglich, als dass man damit punkten kann. Das ist genau das Spektakel, gegen das wir anarbeiten.

PA: Ein bisschen Spektakel muss man immer machen, damit man Öffentlichkeit bekommt, und auch Gelder. Aber so eine Arbeit macht keinen Sinn, wenn man einmalig etwas anreißt. Man muss es langfristig anlegen - über Jahre. Bis du Beziehungen aufbaust zu einzelnen Gruppen, bis man sich kennt und ein Vertrauen da ist, - das ist nicht so schnell herzustellen.

BH: Was empfinden Sie als bereichernd an der Figur/ Rolle des Urban Practitioner?

PA: Dass man sehr schnell in Kontakt kommt, in einer Aktion drinnen und gleich im Tun ist.

BH... und was als die größte Herausforderung?

PA: Das zu finden, wo die anderen sofort mitmachen, weil es so selbstverständlich ist. Zum Beispiel haben wir im heurigen Sommer beim Schulfest einen Spatenstich gemacht. Das war eine spontane Idee. Es ging immer darum, wie wir die Eltern stärker involvieren. Da gab es die Frage des Schulgartens: Wieso geht nichts weiter, obwohl es einen Plan gibt? Und da hab ich gesagt: „Wisst ihr was, jetzt machen wir einen Spatenstich.“ Das war nicht spontan, wir hatten es natürlich schon vorbereitet, sonst wären keine Schaufeln da gewesen, aber es wusste keiner - außer der Direktorin - davon, auch die PolitikerInnen nicht. Das finde ich schon wichtig, dass man sie auch immer ein wenig herausfordert. Die Direktorin hat gesagt: „Es gibt jetzt einen überraschenden Spatenstich, bitte die Politik Spaten ausfassen, starke Väter sind gefragt.“ Dann sind sie alle gekommen. Wir hatten auf der Wiese schon einen Kreis gezeichnet und angesprüht, was ausgehoben werden soll. Jeder fragte: „Wofür? Machen wir halt.“ Nachher haben wir natürlich alles erklärt. Die Väter haben durchgearbeitet, das war eine Gaude. Das sind so direkte Geschichten, wo man zu einem Fest kommt und plötzlich passiert noch etwas anderes.
Man muss immer schauen, wo sich was tut und wo man etwas verknüpfen könnte. Es ist diese Übersetzungsarbeit, die wir leisten müssen. Und zugleich war dann das Magistrat gefordert – und heute gibt’s tatsächlich einen fertigen Sitzkreis
(..)

BH: transparadiso bezeichnet es als „Direkten Urbanismus“, das heißt Stadtentwicklung unter Berücksichtigung von sozialen und gesellschaftspolitischen Aspekten. Das ist quasi ein erweiterter Begriff von Stadtentwicklung oder sogar eine Umwertung, das heißt Stadtentwicklung entgegen neoliberaler Interessen.

PA: Da bin ich natürlich stark ganz Soziologe. Ich sehe das auch als soziale Stadtentwicklung. Das Bauliche ist für mich immer nachgelagert. Es passiert schon, aber das Wesentliche ist, dass sich ein Stadtteil entwickeln kann, dass man Netzwerke organisiert, pflegt und miteinander etwas macht. Das kann manchmal zum Bauen führenwerden, aber nicht immer. Es ist für mich natürlich viel immaterieller als für einen Architekten.

(...)

BH Welche Veränderungen wünschen Sie sich? Was könnte die Arbeit des Urban Practitioner erleichtern?

PA: Da bin ich wieder bei der Politik: Man müsste Stadtentwicklung anders betreiben. Man müsste rausgehen, es müsste einen fliegenden Stadtentwickler geben, so wie einen fliegenden Händler, einen, der unterwegs ist, der zuhört. Ich hab auch vor, das nächstes Jahr zu machen. Vor ein paar Jahren hab ich eine Klapp-Aakademie gegründet, das Minimaltool, mit dem kann ich mich überall hinsetzen, also irgendwo im öffentlichen Raum.
... Da sind wir wieder bei der sozialen Stadtentwicklung. Es geht eigentlich darum, dass man ins Gespräch kommt. Natürlich hört man sich dann viel Raunzerei an, aber vielleicht entdeckt man auch etwas, woran man auf einmal anknüpfen kann. So stell ich mir Stadtentwicklung vor. Natürlich muss irgendjemand dann einen Plan zeichnen, irgendwann. Aber es sollte auch fliegende Stadtentwickler, etwa wie fliegende Händler geben.
(..)

BH: Wie viel Planung braucht das Ungeplante?

PA: Der Spatenstich war nicht ungeplant, er war für die anderen überraschend. Planung braucht es vielleicht nicht, aber es braucht eine Konstanz und Präsenz von einem selbst. Es braucht das Aufrechterhalten von Beziehungen. Dann entstehen Sachen, mit denen man nicht rechnet. Wir haben zum Beispiel einen typischen Franckviertler Hackler. Der ist immer unterwegs, der kennt jeden. Immer hat er gemosert und mit uns geredet, aber er ist nie gekommen. Seit drei Monaten ist er plötzlich präsent und erzählt mir, was er machen will. Er redet mehr als er tut, aber er ist jetzt permanent bei uns. Da überlege ich die ganze Zeit, wie spanne ich den ein, wie erwische ich den so, dass er wirklich was tut. So beschäftigen mich Leute.

http://urban-matters.org/

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