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der öffentliche raum der stadt (16)
 
ulrike breitwieser (bundesdenkmalamt, linz), transpublic, linz, 2007
 


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P.A.: Was kann alles ein Denkmal sein - was sind die Kriterien ?

U.B.: Grundsätzlich gibt es drei Ebenen beim Denkmalschutz: die historische Bedeutung, die kulturelle und die künstlerische Bedeutung.
Von den Kategorien her ist alles möglich, von Wohnbauten, Betriebsgebäuden bis zu technischen Bauten. Dann Bauten, die an den Krieg erinnern: Konzentrationslager, Bunker. Der Bunker am Andreas Hofer Platz steht unter Denkmalschutz.
Unabhängig vom Alter können moderne Gebäude wie das „Lentos" ein Denkmal sein. Es geht um Einzigartigkeit.

P.A.: Wie ist das mit nationalsozialistischen Bauten?

U.B.: Mit diesem Thema hat sich das Denkmalamt lange Zeit schwer getan. Jetzt gibt es aktuell ein Verfahren über die Bauten die zum Lager Gusen gehört haben. ...

P.A.: Und die sogenannten „Hitlerbauten" - die ja doch sehr prägend und markant für Linz sind. Die stehen ja nicht unter Denkmalschutz, oder?

U.B.: Das ist ein Versäumnis. Sie stehen nicht unter Denkmalschutz. Ich habe die Bauten am Spallerhof letzten Herbst besichtigt. Sie sind natürlich verschandelt - es ist eine 15cm dicke Wärmedämmung drauf, die Torbögeneinfassungen sind verschwunden ...

Publikum: Aber stellt sich da nicht die grundsätzliche Frage warum diese Bauten überhaupt unter Denkmalschutz gestellt werden sollen?

U.B.: Das ist die einzige Variante um solche Gebäude wirklich in ihrem Charakter und ihren Denkmaleigenschaften zu bewahren.

P.A.:Ja, aber soll man diesen Charakter überhaupt bewahren?

Publikum: Warum soll man eine ideologische Zeit, die man nicht begrüßen kann, architektonisch bewahren - das verstehe ich nicht. Diese Bauten verweisen ja nicht auf die Repression, den Zwang und den Tod unzähliger Menschen.

P.A.: Anders gefragt: Blendet der Denkmalschutz den ideologischen Background einer Zeit aus ?

U.B.: Wir argumentieren so: Das Gebäude hat bestimmte Denkmaleigenschaften - es geht rein um die Wertigkeit des Gebäudes nach den Kriterien der künstlerischen, kulturellen, historischen Bedeutung. So sind die Baracken in Mauthausen nicht wegen ihrer Bauweise, sondern wegen der zeitgeschichtlichen Bedeutung ein Denkmal - da zählt die kulturelle Bedeutung.
Wenn ich jetzt sage ein Gebäude, dass unter einer Diktatur oder unter Zwang errichtet wurde, kann kein Denkmal sein, so könnte ein Schloss, das nur durch die Leibeigenschaft der Bauern errichtet werden konnte, aus diesem Grund kein Denkmal sein und gehörte schleunigst entfernt - das ist aber kein Kriterium des Denkmalschutzgesetzes.

Publikum: Aber auch die Denkmalschutzkriterien sind doch bei den nationalsozialistischen Gebäuden alle fragwürdig, z. B. bei den Brückenkopfgebäuden. Ich bin für abtragen. Es eine Katastrophe, dass die Kunsthochschule das jetzt adaptieren will. Warum wird das Gesicht der Stadt von der Nazizeit so drangsalisiert.

U.B.: Wegputzen ist da keine Lösung. Linz ist nun einmal als Führerstadt punziert. Vom Gesichtspunkt der Erinnerungskultur ist Abreißen keine Lösung. Und die Wohnqualität in den sogenannten Hitlerbauten ist nach wie vorher sehr hoch, die Wohnungen sind beliebt.

P.A.: Das ist jetzt aber kein Argument des Denkmalschutzes?

U.B.: Nein. Das Wichtige ist ja: repräsentiert ein Gebäude diese Zeit, oder nicht?

P.A.: Und dem Denkmalschutz ist es egal ob das eine gute oder schlechte Zeit war.

U.B..: Ja

Publikum: Und die Menge ist auch egal?

U.B..: Nein - das Gesetz fragt schon auch, ob ein Objekt einmalig ist oder hundertfach vorkommt. Und das trifft bei der NS-Architektur, gerade was Linz betrifft zu: das ist hier typisch und repräsentiert diese bestimmte Zeit.

P.A.: Gibt es woanders diese Menge an NS-Wohnbauten?

U.B.: Nein - also woanders gibt es auch Werkssiedlungen, in der Steiermark, Mur-Mürz-Gegend, aber nicht in einer so großen Zahl wie in Linz.

P.A.: Müsste man dann nicht alle NS-Stadtvierteln - quasi als Stadtensemble unter Schutz stellen ? Das ist ja das Einmalige an dieser Zeit in Linz und nicht das es bei uns auch ein paar Bauten aus der NS-Zeit gibt.

U.B.: Es steht ja kein einziger Hitlerbau unter Denkmalschutz und zwar nicht weil diese Wohnbauten es nicht wert wären, sondern weil wir gerade nur die Anlassfälle schaffen.

P.A.: Okay, gehen wir zu einem aktuellen Fall: die Sintstrasse, eine Wohnsiedlung aus den 20-er Jahren.

U.B.: Diese Siedlung wurde vom damaligen Stadtbaudirektor Kurt Kühne geplant und errichtet, ein Mann der sich viel mit Werkbund und Gartenstadtsiedlung beschäftigt hat. Unter anderen hat er auch die Siedlung Scharlinz - Haydnstrasse, Spaunstrasse geplant hat. (...)
Die Sintstrasse wurde 1926/27 in Zeiten extremer Wohnungsnot von der Stadt selbst errichtet und das ist die besondere Leistung. Und bei dieser Siedlung läuft das Unterschutzstellungsverfahren bereits zum zweiten Mal. Beim ersten Mal hat die Stadt Linz und auch der Eigentümer, die GWG, dagegen Einspruch erhoben und es wurde von der zweiten Instanz, dem Unterrichtsministerium, an uns zurückverwiesen zur Ergänzung des Gutachtens. (...)
Die Wohnungen sind natürlich sehr klein, viele Einraumwohnungen und wir haben ein Gutachten in Auftrag gegeben, ob sie nach den Standards der Wohnbauförderung sanierbar wären. Der Gutachter sagt, dass das geht, die GWG bestreitet das und sagt, dass sich eine Sanierung nicht rechnet.
Bei der Siedlung Fröbelstrasse, im Franckviertel, die vom Haustyp her fast identisch war, hat man bis auf 5 Gebäude die gesamte Siedlung abgerissen und an deren Stelle die Ernst-Koref-Siedlung errichtet. Dabei hat man auch nicht den Versuch unternommen eine städtebauliche Beziehung zu den verbliebenen Gebäuden herzustellen. Die GWG möchte das in der Sintstrasse ähnlich machen. Und da sagen wir jetzt: wir haben dazugelernt - das ist keine Lösung. Es geht ja nicht um die Erhaltung einer Haustypologie, sondern um das Ensemble und dazu brauche ich die Freiflächen und das ganze Drumherum.

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